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Ruth wurde mit einer hochgradigen Schwerhörigkeit geboren, zugleich aber mit großem musikalischen Talent. Seit ihrem achten Lebensjahr ist sie eine leidenschaftliche Musikerin. Sie spielt Klarinette und Saxophon in Holzbläsergruppen und Orchestern. Die beidseitige Versorgung mit Cochlea-Implantaten hat ihr Leben verändert: Sie kann jetzt Musik in Stereo hören.

Wir haben mit ihr über Musik und Hörverlust gesprochen und darüber, welchen Einfluss beides auf ihr Leben hat.

 

Erzähl uns ein bisschen über deine Hörgeschichte: Wann hast du begonnen, ein Hörimplantat zu verwenden?
Ich wurde hochgradig schwerhörig geboren und habe nie etwas anderes gekannt. Ich besuchte eine öffentliche Schule und trug Hörgeräte. Die Zeit war eine sehr anstrengende und ich hatte nie das Gefühl, wirklich dazuzugehören. Als ich 13 war, bekam ich mein erstes Cochlea-Implantat. Seither blicke ich nur noch nach vorne! Obwohl ich von einem Implantat sehr profitiert habe, hatte ich immer das Gefühl, dass zwei noch besser wären. Zu meinem Glück wurden die Richtlinien in Großbritannien dahingehend geändert, dass zwei Implantate empfohlen wurden. Nachdem ich mein erstes Cochlea-Implantat als Jugendliche bekommen hatte, erhielt ich im Alter von 23 Jahren mein zweites. Zwei zu haben ist großartig. Es hat eine Weile gedauert, bis beide Seiten gut zusammenarbeiteten. Heute finde ich das beidseitige Musikhören mit Stereoklang einfach fantastisch.

Welche Sorgen und Ängste hattest du vor der Implantation? Was hat dir dabei geholfen, mit diesen Unsicherheiten umzugehen?
Ich war etwas beunruhigt wegen der Operation, der rasierten Haare, der Unterrichtszeiten, die ich verpassen würde, und wegen der Tatsache, dass ich nur ein
Hörgerät tragen konnte, während ich auf die Aktivierung des Implantats wartete. Aber alles verlief reibungslos. Und vor der zweiten OP war ich nicht mehr besorgt, nur etwas aufgeregt. Als ich mein zweites Implantat bekam, gab es bereits eine neuere Operationstechnik, sodass der Schnitt viel kleiner war und deshalb kaum Haare entfernt werden mussten. Auch die Erholungszeit war viel kürzer.

Ich hörte ziemlich komplexe und vielschichtige Musik, was eine echte Herausforderung war, mir aber sehr dabei half, mein musikalisches Gehör weiterzuentwickeln.


Was bedeutet Musik für dich?

Musik zu hören und zu machen ist ein wichtiger Bestandteil meines Lebens, seit ich klein war. Meine Eltern fanden heraus, dass ich gehörlos war, bevor ich zu sprechen lernte. Meine Mutter verbrachte viel Zeit damit, mir vorzusingen und mir unterschiedliche Tonhöhen und Melodien näherzubringen. Daran kann ich mich so gut erinnern, dass ich immer noch die Intervalle weiß, die sie sang – Terzen und Quinten. Ich bin mir sicher, dass dieser frühe Kontakt mit Musik mir geholfen hat, klar zu sprechen und zu kommunizieren. Außerdem wurde damit eine solide Grundlage für die musikalische Ausbildung mit Hörgeräten und später mit einem, dann zwei Cochlea-Implantaten gelegt.

Als Teenager spielte Musik in meinem gesamten Freundeskreis eine große Rolle – wir gingen gemeinsam zu Live-Konzerten oder trafen uns zuhause und hörten Mix-Tapes. Meine beste Freundin druckte Liedtexte aus und half mir, ihnen zu folgen, indem sie im Takt der Musik mit dem Finger auf die Wörter zeigte. Ich hörte ziemlich komplexe und vielschichtige Musik, was eine echte Herausforderung war, mir aber sehr dabei half, mein „musikalisches Ohr“ weiterzuentwickeln.
Meine Eltern hörten einen Stilmix an unterschiedlicher Musik und ermutigten mich, Klarinette zu spielen. Ich legte Musikprüfungen ab und spielte in einer Holzbläsergruppe und einem Orchester. Es kam mir nie in den Sinn, dass es für eine gehörlose Person ziemlich ungewöhnlich war, diese Dinge zu tun. Und das, obwohl ich keine anderen gehörlosen Musiker kannte – mittlerweile aber doch.

Ruth, CI-Nutzerin und begeisterte Musikerin


Wie hat sich deine Musikwahrnehmung geändert, seit du Cochlea-Implantate trägst?

Am Anfang klang Musik ganz anders. Nicht schlecht, einfach ungewohnt. Die Erfahrung des Hörens und Zuhörens mit Implantaten ist ganz anders als mit den eigenen Ohren. Mit der Zeit
hat es sich wirklich gelohnt, denn Musik hörte sich viel klarer an.

Ich konnte Instrumente wie Flöten und Tamburine erkennen, die ich vorher nicht hatte wahrnehmen können. Ich konnte den Gesang deutlich hören und den Liedtexten folgen. Mir ist auch wichtig, dass Musik schön klingt – und ich bin froh, dass ich das mit meinem Cochlea-Implantat erreicht habe. Mein zweites Implantat war überwältigend, weil ich endlich Musik in Stereo hören konnte! Das war wirklich lebensverändernd.

Kannst du dich an einen besonders denkwürdigen Moment auf deiner Hörreise erinnern? Gab es einen besonderen Moment, der mit Musikgenuss verbunden war?
Ja! Als ich dachte, die Kopfhörer seien kaputt, weil ich auf jeder Seite etwas anderes hören konnte. Ich schickte eine E-Mail an das Unternehmen, um mich zu beschweren, und merkte dann, dass nicht die Kopfhörer kaputt waren, sondern ich auf einmal Stereoklang hörte. Jetzt liebe ich es, in Stereo zu hören! Ich kann mir einen Film mit Kopfhörern ansehen und zum Beispiel die Richtung hören, in die ein Auto fährt. So etwas fühlt sich für mich nach wie vor neu und sehr eindrucksvoll an.

Hast du einen besonderen Rat für MusikerInnen mit Hörverlust?
Ja – arbeite mit dem, was du hast; konzentriere dich nicht auf das, was du nicht hast. Fokussiere dich auf deine Fähigkeiten und nicht auf deine vermeintlichen Grenzen. Nur so wächst man über sich selbst hinaus.

Eine Musikerin mit Hörverlust zu sein ist anders, nicht schlechter.


Wie hat dein persönliche Geschichte als Hörimplantatträgerin zu deinem Hobby als Musikerin beigetragen?

In den letzten zehn Jahren, seit ich mein zweites Implantat trage und die Klarinette wiederentdeckt habe, habe ich es sehr genossen, über Hearpeers und die Association of Adult Musicians with Hearing Loss (AAMHL) andere gehörlose Musikerinnen und Musiker kennenzulernen. Ich habe mich auch an der audiologischen Forschung im Zusammenhang mit Musik und Implantaten beteiligt. 2017 lernte ich Andrew Hugill kennen, den inspirierenden Gründer von „Aural Diversity“, und nahm an einigen Konzerten im Jahr 2019 teil.

Dann besuchte ich 2018 die zweite „Music and Cochlear Implants“ Konferenz in Montreal. Dort wurde ich Teil einer Forschungsgruppe, die 2019 einen wissenschaftlichen Beitrag im Magazin „Frontiers in Neuroscience“ veröffentlichte. Derzeit arbeite ich mit Dr. Kate Gfeller an einer weiteren Studie und hoffe, diese Forschungsergebnisse auf der dritten „Music and CIs“ Konferenz an der University of Cambridge in diesem Jahr präsentieren zu können. Was ich aus all dem mitnehme? Eine gehörlose Musikerin zu sein ist anders, aber nicht schlechter. Ich nehme Musik anders wahr, erlebe sie anders und spiele sie wahrscheinlich auch anders. Die unglaubliche harte Arbeit, die ich auf meinem bisherigen Weg geleistet habe, ist ein Beweis für meine Stärke und mein Durchhaltevermögen.

Hast du ein musikalisches Lieblingswerkzeug, eine App, ein Musikstück oder ein Lied aus deiner Spotify-Playlist, das du mit uns teilen möchtest?
Meine Lieblings-App ist Apple Music, ich habe aber auch schon Amazon Prime Music und Spotify verwendet. Mir gefällt, dass alle drei Plattformen bei den meisten Liedern eine Funktion für Liedtexte anbieten. Ich kann auch eine App namens Cleartune empfehlen. Als Holzbläserin ohne Klavier ist das unverzichtbar! Ich habe auch ein paar Jahre lang Gesangsunterricht genommen und fand eine Stimm-App dabei sehr nützlich.

Danke, Ruth!

 

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