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Bei MED-EL befürworten wir grundsätzlich das Hören mit beiden Ohren. Für jemanden mit einem schweren bis hochgradig ausgeprägten bilateralen Hörverlust ist ein Cochleaimplantat häufig die beste Option. Viele können aber nur ein Cochleaimplantat bekommen oder entscheiden sich bewusst gegen ein zweites. Was sollte man also mit dem zweiten Ohr machen, wenn jemand nur ein Cochleaimplantat hat?

Die Wahl zwischen unilateraler und bilateraler Implantation

Laut einer Studie aus dem Jahr 2015 an 164 Kindern, die ihr erstes Cochleaimplantat in Großbritannien zwischen Januar 2009 und Februar 2014 erhielten, gibt es fünf wesentliche Gründe, weshalb jemand heute nur ein Cochleaimplantat bekommt. Von diesen 164 Kindern erhielten 67 % bilaterale Implantate und die verbleibenden 33 % ein unilaterales Implantat.1Warum nur ein Implantat? In der Studie werden folgende Gründe genannt:

  1. Schwierige medizinische und soziale Situation
  2. Vorhandenes Gehör im Tieftonfrequenzbereich (für das andere Ohr hat man sich für eine Hörhilfe entschieden)
  3. Kein Hörverlust im anderen Ohr (z. B. bei einseitiger Taubheit)
  4. Erstes Implantat noch in der Testphase (Entscheidung für ein zweites Implantat steht noch aus)
  5. Fortschreitender Hörverlust im kontralateralen Ohr (evtl. wird ein zweites Implantat künftig relevant)

Kommt Ihnen einer dieser fünf Gründe bekannt vor? Wenn ja, ergeben sich daraus drei mögliche Szenarien:

  1. Kein Implantat im kontralateralen Ohr
  2. Mögliche Implantation in der Zukunft
  3. Einsatz einer Hörhilfe

Da in den ersten beiden Fällen nichts am anderen Ohr gemacht werden muss, konzentrieren wir uns auf die dritte Option: Verwendung einer Hörhilfe.

Bimodales Hören

Als „bimodal“ bezeichnet man Lösungen, bei denen der Hörverlust in beiden Ohren auf unterschiedliche Art und Weise ausgeglichen wird. Wenn beispielsweise jemand in einem Ohr ein Cochleaimplantat und im anderen eine Hörhilfe trägt, spricht man von bimodalem Hören.

Man würde eine bimodale Lösung anstreben, wenn die Hörleistung im kontralateralen Ohr zwar beeinträchtigt, aber nicht schwerwiegend genug ist, um ein Cochleaimplantat zu rechtfertigen.

Wenn Sie nur ein Cochleaimplantat tragen oder jemanden kennen, bei dem das der Fall ist, möchten Sie natürlich wissen, wie gut eine solche Lösung funktioniert. Sehen wir uns dazu einige empirische Erhebungen an. Studien haben folgendes gezeigt:

Argumente für die Hörhilfe

Der größte Vorteil einer Hörhilfe im Gegenohr besteht nachweislich darin, dass man in lauten Umgebungen besser hören kann.2 So zeigt eine Studie aus dem Jahr 2014, dass das bimodale Hören im Gegensatz zum einseitigen Cochleaimplantat das Sprachverstehen in Störschallsituationen um 12 Prozent verbessert.3

Und diese Steigerung besteht zusätzlich zu den drei wesentlichen Vorteilen, die sich aus dem beidseitigen Hören, sei es mit einer Hörhilfe, einem Hörimplantat oder dem natürlichen Gehör, ergeben:

  1. Summationseffekt, der entsteht, wenn beide Ohren dieselben Klänge hören und so mehr Klanginformationen an das Gehirn senden können, als wenn die Wahrnehmung nur über ein Ohr erfolgt.
  2. Kopfschatteneffekt, der entsteht, wenn eine Hörhilfe oder ein Implantat verhindert, dass Klänge durch den Kopf daran gehindert werden, zum nicht implantierten Ohr zu gelangen.
  3. Störgeräuschunterdrückung, bei der das Gehirn Informationen von beiden Ohren erhält und diese nutzt, um unnötige Hintergrundgeräusche herauszufiltern.

Und diese Vorteile kommen vollkommen unabhängig davon zum Tragen, wie lange jemand ein Cochleaimplantat, eine Hörhilfe oder beides genutzt hat.4,5

Ob sich die Vorteile des bimodalen Hörens ausschöpfen lassen, hängt aber auch von den Lautstärkeeinstellungen am Cochleaimplantat und an der Hörhilfe ab. Wenn beispielsweise die Einstellungen an der Hörhilfe nicht korrekt auf das Cochleaimplantat abgestimmt sind, kann sich die Hörleistung im Vergleich zu einem einseitigen Cochleaimplantat verschlechtern.3Aber wenn alles stimmt, stellen sich auch die Vorteile ein. Wenn Sie Fragen zu Ihrer Hörhilfe haben, sprechen Sie beim nächsten Termin bitte mit Ihrem Audiologen.

Woher kommen also diese Vorteile des bimodalen Hörens? Aktuelle Studien legen nahe, dass hier zwei Phänomene, die so genannte komplementäre und die redundante Integration, zusammenwirken:3

  • Komplementäre Integration entsteht, wenn das Gehirn die hochfrequenten Töne vom Cochleaimplantat mit den niederfrequenten von der Hörhilfe kombiniert.5
  • Redundante Integration entsteht, wenn beide Ohren ähnliche Sprachinformationen an das Gehirn liefern.4

Eine weitere Alternative zu Hörimplantaten

Für jemanden, der die meisten hochfrequenten Töne nicht hören kann, dafür aber einen Großteil der tiefen, gibt es noch eine andere Art von Implantat, das sogar eine bessere Hörleistung verspricht als das Cochleaimplantat. Es heißt EAS, was für „Elektrisch Akustische Stimulation“ steht.

Es konnte nachgewiesen werden, dass EAS mit einer Hörhilfe das Hörvermögen sogar noch effektiver steigern kann als ein Cochleaimplantat.6

Dabei darf man nicht vergessen, dass EAS nicht für jeden geeignet ist. Es ist ausdrücklich nur für solche Personen zugelassen, die einen Großteil der hochfrequenten Töne nicht hören können. Bei ihnen funktioniert EAS, weil die Hörhilfe die tiefen Frequenzen verstärkt und die hochfrequenten Schallinformationen des Cochleaimplantats unterstützt.

In einer relativ neuen Studie an 13 Erwachsenen wurde das bimodale Hören mit EAS und Hörhilfe mit dem bimodalen Hören mit Cochleaimplantat und Hörhilfe verglichen. Man fand heraus, dass mit EAS bei der räumlichen Zuordnung von Sprache „wesentlich weniger“ Fehler gemacht wurden.6 Und EAS erleichtert das Sprachverstehen in lauten Umgebungen: Studien zeigen, dass die Sprachwahrnehmung mit EAS und einer Hörhilfe in Störschallsituationen um 1-2 dB höher liegt als mit der Kombination aus Cochleaimplantat und Hörhilfe.7,8

Besser hören mit bimodalen Lösungen

Wenn also Sie oder jemand, den Sie kennen, nur ein Cochleaimplantat nutzen können, dann gibt es noch weitere Möglichkeiten des beidseitigen Hörens und wissenschaftlich untermauerte Gründe, sie zu nutzen.

 

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    Referenzen:

  1. Hanvey, K. (2015). Paediatric unilateral implantation in an era of routine simultaneous bilateral implantation. Cochlear Implants Int, 16(1):S23-5. doi: 10.1179/1467010014Z.000000000228.
  2. Ching T.Y.C., Incerti P, Plant K. (2015). Electric-acoustic stimulation: For whom, in which ear, and how. Cochlear Implants Int, 16(1):S12-5. doi: 10.1179/1467010014Z.000000000225.
  3. Yoon Y.S., Shin Y, Gho J.S., Fu Q.J. (2015). Bimodal benefit depends on the performance difference between a cochlear implant and a hearing aid. Cochlear Implants Int. 16(3):159-67. doi: 10.1179/1754762814Y.0000000101
  4. Bimodal benefit depends on the performance difference between a cochlear implant and a hearing aid. Yoon, Yang-Soo; Shin, You-Ree; Gho, Jae-Sook; Fu, Qian-JieCochlear Implants Int, 2014 Oct. doi: 10.1179/1754762814Y.0000000101
  5. Yoon Y.S., Shin Y, Fu Q.J. (2011). Binaural benefit for speech recognition with spectral mismatch across ears in simulated electric hearing. Journal of Rehabilitation Research Development, 130(2): EL94–EL100. doi: 10.1121/1.3606460
  6. Kong Y., Braida L.D. (2011). Cross-frequency integration for consonant and vowel identification in bimodal hearing. Journal of Rehabilitation Research Development, 54(3): 959–80. doi: 10.1044/1092-4388(2010/10-0197)
  7. Plant K. (2014). Effect of contralateral hearing on bimodal outcomes: candidacy considerations. Paper presented at the XXXII World Congress of Audiology, Brisbane, 5–8 May 2014.
  8. Ching T.Y.C. & Incerti P. (2012). Bimodal fitting or bilateral cochlear implantation? In Lena Wong & Louise Hickson, (Ed.), Evidence based practice in audiologic intervention. (pp. 213–33). San Diego, CA: Plural Publishing.

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