in Gastartikel

Jannette aus Ostfriesland schämte sich viele Jahre lang für ihren Hörverlust und zog sich immer weiter aus dem Leben zurück. Bis sie beschloss, etwas daran zu ändern und sich für Cochlea-Implantate entschied. Im heutigen Gastartikel berichtet sie über ihre Reise zu bilateralen CIs und erzählt, warum sie ihre Hörimplantate heute nicht mehr missen möchte.

Ich bin Jannette, 40 Jahre alt und wohne im schönen Ostfriesland. Hörverlust begleitet mich schon mein Leben lang: Seit Kindheit bin ich beidseitig an Taubheit grenzend schwerhörig. Die genaue Ursache für diese Hörschwäche kenne ich leider nicht. Auch war mir selbst nie richtig bewusst, wie schlecht ich eigentlich hörte. Wie sollte ich auch vermissen, was ich gar nicht kannte? Erst mit zunehmendem Alter, in der Schule und im Berufsleben, wurden die Lücken gerade im Bereich des Sprachverstehens deutlich sichtbar. Ich verstand in der Gruppe schlecht bis kaum, mied Telefonate, ging seltener raus, erfand für meine Abwesenheit Ausreden und baute mir selbst Mauern, um meine Hörschwäche zu vertuschen. Hörgeräte waren mir peinlich und mein Handicap ebenfalls.

Parallel dazu habe ich mir bewusst und unbewusst angeeignet, mit Blickkontakt, Lippenlesen und Interpretation der Situation das Gesagte zu erkennen. Doch irgendwann habe ich realisiert, dass ich etwas tun muss, wenn ich wieder aktiv am Leben teilhaben will. Meine Tochter und mein Partner unterstützten mich in dieser Zeit sehr.

 

Mein Weg zum Cochlea-Implantat

Und so setzte ich mich ab 2016 aktiv mit dem Thema Cochlea-Implantat auseinander. Ich lernte über Social-Media-Kanäle CI-Nutzer kennen, mit denen ich mich regelmäßig austauschen konnte und die mir meine Entscheidung erleichterten. Ich las viele Berichte von CI-Nutzern und relativ schnell fiel meine Wahl auf MED-EL: Die langfristige Zuverlässigkeit, die MRT-Sicherheit und der Tragekomfort überzeugten mich. Mein erster Audioprozessor sollte ein weißer SONNET sein.

Im Januar 2019 war es schließlich so weit: Ich bekam auf der rechten Seite mein erstes Implantat. Nach der Operation habe ich mir ein Zeitraffer-Video einer CI-Operation auf YouTube angesehen und staunte nicht schlecht, was die Technik möglich macht. Da die Hörreise mit dem CI ein Lernprozess ist, wusste ich damals, dass ich bestenfalls nicht zu hohe Erwartungen haben sollte. Natürlich versuchte ich das, aber es klappte nicht so recht. Die ersten Tage nach der Erstanpassung war ich trotzdem enttäuscht.

 

Schritt für Schritt zum Hörerfolg

Aber das sollte sich schon bald ändern: Mit jedem Tag und mit dem Üben im Alltag wurden Töne klarer und deutlicher. Zum ersten Mal in meinem Leben hörte ich zum Beispiel Vögel – das war ein unbeschreiblich schönes Gefühl. Mein Partner erklärte mir, welches Geräusch ein Specht verursacht, welches ein Uhu oder wie ein Eichelhäher klingt. Und es kam endlich die Zeit, in der ich viel besser verstand: Im Kino. Im Alltag. Telefonieren verursacht kein Herzklopfen mehr. Gespräche im Auto – vorher mangels Blickkontakt unmöglich – sind unabhängig von Fahrttempo keine Herausforderung mehr. Mein erstes Musikkonzert war überwältigend! Ich darf mich aktuell nach fast zwei Jahren CI-Versorgung rechts über ein Sprachverständnis von 90 % erfreuen. Ich habe angefangen Klavier zu spielen und sitze nun jeden Tag einige Zeit im Wohnzimmer an den Tasten. Und das erfreut nicht nur mich, sondern auch meine Familie und Freunde, da die Kommunikation so viel besser geworden ist.

 

Aus eins mach zwei: Bilaterale CI Versorgung

Da ich auf der linken Seite zum Zeitpunkt meiner ersten Implantation nur noch ein Sprachverständnis von knapp 15 % hatte, war damals eigentlich schon klar, dass auch das zweite Ohr CI versorgt werden sollte. Dennoch entschied ich mich dafür, erstmal mit dem ersten gut zurecht zu kommen und habe die zweite Operation dann im Herbst 2020 vornehmen lassen: Die bilaterale Hörreise begann. Ich war sehr gespannt und hatte anfangs etwas Sorge, dass dieses gute Gefühl des neuen Hörens mit CI nicht mehr so gut sein würde, wenn es erstmal zwei funktionierende Seiten sind. Rückblickend sehe ich, dass das Unsinn war. Warum sollte es schlechter werden? Es konnte doch nur weiter besser werden.

Bei der zweiten Operation war alles viel entspannter. Ich fuhr entspannt zum Krankenhaus, scherzte mit den Narkose-Ärzten und auch danach gab es nur eine Nebenwirkung: Übelkeit wegen der Narkose. Sonst keine Schmerzen, kein Schwindel, kein Geschmackverlust. Die Narbe verheilte schnell und problemlos. Somit stand im November 2020 die Erstanpassung des SONNET 2 auf der linken Seite auf dem Programm. Und was soll ich sagen? Ich war überglücklich und dachte nur: „Hallo mechanische Stimme!“ Das klingt vielleicht seltsam, aber dieser Klang erweckte die Erinnerung an das erste CI und das waren gute und schöne Zeiten. Ich war begeistert. Viele CI Nutzer berichten ja von einer Micky-Maus-ähnlichen Stimme. Das kann ich nicht bestätigen. Für mich hallte alles etwas, es klirrte. Aber recht schnell hörte sich alles wieder für mich natürlich an. Wenn auch mit ein wenig Echo.

 

Alltag mit zwei Cochlea-Implantaten

Bereits im Krankenhaus hat man mir empfohlen, den neuen Audioprozessor öfter mal alleine zu tragen. Der Lernerfolg ist einfach höher, wenn wir dem Gehirn mitteilen, dass es sich nicht nur auf die starke Seite konzentrieren soll. Das kann ich auch absolut bestätigen. Im Alltag mit dem beidseitigen Tragen, nahm ich das linke CI erst kaum wahr. Es war eine etwas anstrengende Zeit und ich war oft müde. Das wurde mir auch bei der Beratung vorab mitgeteilt, dass das ständige Lernen des Gehörs anfangs ermüden würde. Mein Klavierunterricht muss seitdem etwas pausieren, da ich die Töne nicht mehr so hören konnte, wie ich es gewohnt war. Bald geht es aber weiter und ich denke, dass das Musizieren ein guter Beitrag zum Lernen ist.

Gerade beim Üben mit direkter Verbindung mit Audiokabel verstand ich allerdings schon recht früh die Nachrichten oder Teile eines Hörbuchs. Ich hatte das Gefühl, dass alles etwas schneller ging als beim ersten CI. Und dies hat sich auch bestätigt: Nach drei Wochen hatte ich ein Sprachverständnis bei 65 dB von 30% und schon wenig später bei gleicher Lautstärke von 70%! Das ist ein überdurchschnittlich gutes Ergebnis, der Erfolg zeichnete sich noch schneller ab als beim ersten Implantat und jede Seite für sich ist auch richtig gut.

In Kombination bin ich gerade mitten im Lernprozess. Das Sprachverständnis ist nach wie vor gut, jedoch habe ich noch Schwierigkeiten mit dem Richtungshören. Ich bin guter Dinge und weiß, dass auch dies bald folgen wird. Musik klingt voller, jedoch noch nicht perfekt. Spannend ist aber, dass ich dem Umfang von Geräuschentwicklung bewusster wahrnehme: Die Dynamik bei Orchesteraufnahmen erlebe ich nun live mit (kommt ein Instrument in den Vordergrund oder steigt es aus?), laut und leise als Ausdrucksmittel der Sprache erlebe ich nun bewusst. Bereits nach sieben Wochen bilateraler CI-Versorgung kann ich sagen, dass mir etwas fehlt, wenn ich nur eine Seite trage. Der ist dann nicht mehr „rund“.

 

Mein Rat für andere

Mit meinen Erfahrungen kann ich allen, die vor einer CI-Operation stehen, guten Gewissens empfehlen, sich offen auf das Neue einzulassen. Und sich nicht verunsichern zu lassen, denn jede Hörgeschichte und jede Hörreise ist anders. Und vor allem dann die erste Zeit der CI-Versorgung und die neue Welt zu genießen. Man ist so überrascht und begeistert von den neuen Tönen und Klängen. Denn am Ende gewöhnen wir uns ganz schnell an das neue Hören im Alltag und sehen diesen Genuss als normal an, obwohl es doch ein kleines Wunder ist. Daher erinnere ich mich an jeden Moment meiner Reise gerne.

Danke, Jannette!

Lesen Sie auch, wie Jannette das Hören und Sprachverständnis mit CI in Zeiten der Coronavirus-Pandemie erlebt. 

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Bild: Akka Fotografie (© akkafotografie)

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