in Gastartikel

Stefanie aus Deutschland hat seit früher Kindheit Hörverlust, seit vier Jahren ist die 34-jährige Cochlea-Implantat-Trägerin. Lange Zeit war ein CI für sie keine Option. Warum sie sich nach reiflicher Überlegung doch für ein Hörimplantat entschied und wie sich ihr CI mit ihrem Hörgerät kombinieren lässt, erzählt sie im heutigen Gastartikel.

Mein Name ist Stefanie – lieber kurz „Stäff“ genannt – und ich lebe mit meiner Familie in Deutschland im schönen Thüringen. Ich arbeite als Zahntechnikerin und liebe es, mich in meiner Freizeit kreativ auszutoben: Ob Hochsteckfrisuren, Kerzen gestalten oder Gebärdensprache-Musik-Videos machen – all das bereitet mir einfach Freude. Außerdem tanze ich sehr gerne, vor allem zum Karneval auf der Bühne. Am allerliebsten verbringe ich allerdings Zeit mit meinem Mann und unseren zwei Kindern oder unseren Freunden. Seit meinem 5. Lebensjahr trage ich im linken Ohr ein Hörgerät, rechts ist vor vier Jahren ein Cochlea-Implantat dazugekommen.

Meine Hörgeschichte

Als ich ungefähr drei Jahre alt war, bemerkte meine damalige Erzieherin, dass etwas mit meinem Gehör nicht stimmte, denn ich reagierte nicht, wenn sie mich von hinten ansprach. Zuvor war mein Hörverlust niemandem aufgefallen, denn meine Sprachfähigkeiten waren dem Alter entsprechend völlig normal. Was folgte, war eine Reihe an Untersuchungen bei Ärzten und im Krankenhaus. Es wurde Verschiedenes probiert, z. B. wurden mir Polypen entfernt, um mein Hören zu verbessern, aber alles ohne Erfolg. Erst in der Uniklinik in Göttingen wurde schließlich beidseitige hochgradige Schwerhörigkeit diagnostiziert. So bekam ich mit fünf Jahren meine ersten Hörgeräte. Mein Sprachvermögen hatte erstaunlicherweise nicht darunter gelitten, obwohl ich in der Sprachlernphase fast gar nichts gehört hatte.

Dennoch war die Schulzeit eine schwere Zeit für mich. Wegen meines Hörverlusts und meiner Hörgeräte wurde ich von Mitschülerinnen und -schülern gehänselt und Lehrpersonen nahmen den Hörverlust nicht ernst. Sie meinten, ich spiele diesen nur vor, oder führten ominöse Hörtests vor der ganzen Klasse durch. Ich hatte zwar eine sogenannte Mikroport-Anlage, die eine direkte Verbindung von einem externen Mikrofon zu meinen Hörgeräten erlaubte, aber so manche Lehrerin weigerte sich, das Mikrofon zu tragen. Oft täuschte ich meiner Mama vor, dass ich krank sei, damit ich nicht in die Schule musste. Ich gehörte nie so richtig irgendwo dazu und habe mich die meiste Zeil allein gefühlt.

Rückhalt durch Familie und Freunde

Meine Familie und meine zwei guten Freundinnen standen aber immer hinter mir und waren eine große Stütze für mich. Auch wenn es nicht immer leicht war und ist, heute weiß ich, wo ich stehe. Wo ich hingehöre, wer ich bin. Etwas Unsicherheit und Misstrauen werden wohl immer bleiben – meine Erfahrungen haben mich geprägt und das ist nicht mehr zu ändern. Aber ich mag mich so, wie ich bin. Und ich habe die beste Familie und die besten Freunde und Kollegen, die man sich nur wünschen kann, und bin ihnen sehr dankbar dafür. Sie akzeptieren mich so, wie ich bin, und sind verständnisvoll und geduldig.

Entscheidung fürs Cochlea-Implantat

Viele Jahre lang kam ein Hörimplantat für mich nicht in Frage. Aufgrund meiner Vorgeschichte und Erfahrungen in der Schulzeit schämte ich mich stets für meine Hörgeräte – so sehr, dass ich das Hörgerät auf meinem rechten, schlechteren Ohr nie trug. Und so wurde das Hören auf der rechten Seite immer noch schlechter. Schließlich kam der Punkt, an dem die Hörgeräteversorgung nicht mehr ausreichte. Und dennoch, meine Scham überwog und ich wollte kein CI – auch deshalb, weil ich den Gedanken, einen Magneten im Kopf zu haben, „gruselig“ fand.

Aber als ich mit meinem zweiten Kind schwanger war, habe ich immer öfter darüber nachgedacht, was wohl wäre, wenn mein anderes Ohr auch nachlassen würde. Dann würde ich meine Kinder irgendwann nicht mehr hören. Und so freundete ich mich mit dem Gedanken an, mich doch für ein Implantat zu entscheiden. Ich begann mich zu informieren, ließ mir Audioprozessoren zeigen und musste feststellen, dass diese heutzutage total cool aussehen! Vor allem der weiße SONNET und die bunten Design-Abdeckungen hatten es mir gleich angetan. So kam es, dass ich vor vier Jahren rechts ein CI eingesetzt bekam. Und eine Sache bemerkte ich sehr schnell: Die Sache mit dem Magneten ist gar nicht so schlimm. 😉

Neue Lebensqualität mit Cochlea-Implantat und Hörgerät

Heute trage ich rechts meinen Audioprozessor und links ein Hörgerät. CI und Hörgerät ergänzen sich erstaunlich gut! Ich merke keine Unterschiede, wenn ich beides trage. Schon erstaunlich, wozu das Gehirn in der Lage ist. Ich bin nach wie vor erstaunt, wie gut ich mit dem CI hören kann. Kaum zu glauben, dass ich so lange gewartet habe! Es ist eine so große Bereicherung für mich und mein soziales Umfeld. Klar, es ist ein langer Weg und ich war sehr froh über die Unterstützung durch meinen Mann, meine ganze Familie und Freunde.

Es musste alles trainiert werden, mit einem guten Logopäden, geduldigen Audiometristen und Disziplin meinerseits. Aber die Anstrengung hat sich gelohnt! Und es bereitete mir Freude, wenn man von Termin zu Termin wieder neue Erfolge bemerkte. Am Ende zählt das Endergebnis: Heute kann ich mit einem tauben Ohr hören UND verstehen – und das sogar verdammt gut! Ich bereue rein gar nichts, ich bin total glücklich über meine Entscheidung, denn sie war richtig und wichtig. Ein Tag ohne CI ist für mich mittlerweile undenkbar. Ich fühle mich mit meinem CI komplett, weil ich einfach viel mehr wahrnehme.

Stolze CI-Trägerin

Heute stehe ich zu meiner Schwerhörigkeit, ich trage meine Geräte mit Stolz. Ich gehe offen damit um und ich freue mich, wenn ich von interessierten Menschen angesprochen werde, was ich da hinter dem Ohr trage. Ich nehme mir auch gerne die Zeit und erkläre es. Viele kennen Cochlea-Implantate gar nicht und sind fasziniert von der Technik. Und ganz ehrlich, das bin ich auch. Immer und immer wieder. Aber ob CI Audioprozessor oder andere Hörhilfe, ganz wichtig finde ich: Es ist vollkommen egal, WAS du trägst. Wichtig ist nur, WIE!

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Und eines sollte man nicht vergessen: Trotz der Hörhilfen wird man nicht so normal hören können, wie es andere Menschen tut. Es wird immer schwierige Situationen geben! Das unterschätzen Außenstehende oft. Größere Gruppen oder Treffen sind eine Herausforderung für mich, vor allem wenn ein Radio im Hintergrund läuft oder andere Nebengeräusche stören oder wenn der Raum schlecht ausgeleuchtet ist, was das Lippenlesen schwer macht. In solchen Situationen ist das Verständnis meiner Mitmenschen sehr wichtig und ich bin froh, dass ich viele rücksichtsvolle und verständnisvolle Menschen in meinem Leben habe.

Danke, Stefanie!

Lesen Sie auch, warum auch Anette aus Dänemark die Kombination von CI und Hörgerät toll findet und wie sich ihre Lebensqualität dank Hörimplantat verbessert hat. 

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