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Heraushören von Emotionen aus Musik mit CI: Geht das?

Die Idee zu einem Experiment

Als einseitig ertaubte und mit CI (genauer: EAS) versorgte semiprofessionelle Musikerin hat mich interessiert, inwieweit CI-TrägerInnen in der Lage sind, Emotionen aus Musik herauszuhören. Dazu habe ich in sozialen Netzwerken von Geburt oder sehr früher Kindheit an gehörlose CI-TrägerInnen gefragt, wie und wie intensiv sie Musik empfinden. Kurz zusammengefasst gingen die meisten Antworten in die Richtung, dass Musik kaum verstanden wird und dass Musik ohne Texte oder ohne visuelle Aspekte (wie bei Livemusik) weitestgehend bedeutungslos bleibt.

Das hat mich, auch wenn die Antworten nicht sonderlich ermutigend klangen, zu einem kleinen Experiment inspiriert. Es ging mir darin nicht darum, Gefühle durch Musik zu erzeugen, sondern nur darum herauszufinden, ob die grundlegende emotionale Aussage der Musik von CI-TrägerInnen verstanden werden kann.

Natürlich wird Musik in hohem Maße subjektiv empfunden, daher kann mein kleines Experiment nur eine grobe Tendenz zeigen.

 

Mögliche Kriterien für Emotionen in Musik

Zunächst habe ich nach einigen Kriterien gesucht, die die unterschiedlichen Emotionen, die Musik transportiert, beeinflussen könnten:

Emotion/

Kriterium

fröhlich traurig aggressiv ängstlich entspannt
Tempo schnell langsam (sehr) schnell schnell langsam
Tongeschlecht Dur Moll Moll Moll Dur
Dynamik hoch niedrig hoch hoch niedrig
Tonhöhe hoch tief hoch hoch tief
Klangfarbe hell dunkel harsch hell/schrill dunkel/warm
Harmonie konsonant dissonant dissonant dissonant konsonant
Tonumfang groß niedrig groß groß niedrig

 

In diese Tabelle sind einige Inhalte aus diesem Artikel eingeflossen:

https://www.psychologytoday.com/us/blog/your-musical-self/201709/what-makes-sad-music-sad

Sicherlich gibt es noch viel mehr Kriterien und auch das Zusammenspiel der einzelnen Kriterien untereinander ist wichtig. Für mein Experiment habe ich mich auf die Kriterien in dieser Tabelle beschränkt um die Komplexität zu reduzieren.

Es fällt im Vergleich auf, dass teils nur zwei der Kriterien unterschiedlich sein müssen, damit eine andere Emotion ausgedrückt wird. Bei fröhlichen und ängstlichen Stücken sind alle Kriterien gleich, bis auf das Tongeschlecht und die Harmonie.

 

Das Experiment

Die Frage, die ich mit meinem Experiment beantworten wollte, lautete:

Ist es als beidseitig CI-Implantierte/r möglich, ein fröhliches von einem ängstlichen Instrumentalstück zu unterscheiden, wenn Tempo, Dynamik, Tonhöhe, Klangfarbe und Tonumfang gleich und Tongeschlecht und Harmonie unterschiedlich sind?

Um zu vermeiden, dass Erinnerungen und persönliche Erfahrungen mit meinen Test-Stücken assoziiert werden, habe ich am Computer zwei ganz kurze, einfache Stücke kreiert; eines fröhlich, eines ängstlich klingend. Diese beiden Stücke kann also niemand schon einmal gehört haben und insofern wird auch nichts Persönliches damit assoziiert. Es sind Instrumentalstücke, damit die Stimmung nicht durch den Text beeinflusst wird.

Die beiden Stücke testete ich zunächst an drei Normalhörenden. Ganz klar wurde von ihnen, als ich fragte, ob die Stücke als „fröhlich“, „aggressiv“ oder „ängstlich“ wahrgenommen werden, dem fröhlichen Stück „fröhlich“ zugeordnet und dem ängstlichen Stück „ängstlich“.

Meine CI-TrägerInnen habe ich wieder in sozialen Netzwerken rekrutiert.

Nicht berücksichtigt habe ich:

  • Den Hersteller des CIs
  • Ein eventuell vorhandenes Restgehör
  • Unterschiedliche Kulturkreise (wobei die Teilnehmer aus Europa, den USA, Australien und dem Nahen Osten kommen)

Meine TeilnehmerInnen habe ich gebeten, sich die beiden Stücke anzuhören. Dazu schrieb ich, dass die Stücke sehr ähnlich sind und durch geringfügige Veränderungen unterschiedliche Emotionen transportieren.

Ich bat die TeilnehmerInnen mir zu sagen, welche Emotion ihrer Ansicht nach Stück 1 bzw. Stück 2 transportieren soll: 1) aggressiv, 2) ängstlich, 3) fröhlich oder 4) dem Stück kann ich keine Emotion zuordnen.

Hier die beiden Stücke:

Stück 1:
https://music4cyborgs.bandcamp.com/track/emotion-01-a



Stück 2:
https://music4cyborgs.bandcamp.com/track/emotion-01-b




Die Ergebnisse

  • Kein/e TeilnehmerIn nahm die Emotion eines der Stücke als „aggressiv“ wahr
  • 4 von 14 nehmen beide Stücke als „fröhlich“ wahr
  • Für 9 von 14 repräsentierten die beiden Stücke unterschiedliche Emotionen
  • 2 von 14 nahmen das fröhliche Stück als „ängstlich“ und das ängstliche Stück als „fröhlich“ wahr
  • Die Hälfte (7 von 14) identifizierten das fröhliche Stück als „fröhlich“ und das ängstliche Stück als “ängstlich“
  • Ein/e TeilnehmerIn konnte keinem der Stücke eine Emotion zuordnen

7 von 14 TeilnehmerInnen waren in der Lage, die beiden unterschiedlichen Emotionen, die transportiert werden sollten, zu differenzieren und zu identifizieren. 2 TeilnehmerInnen konnten die unterschiedlichen Emotionen differenzieren, aber nicht identifizieren und 4 TeilnehmerInnen konnten sie nicht differenzieren.

Für die TeilnehmerInnen, die sowohl differenzieren als auch identifizieren konnten, waren vermutlich das unterschiedliche Tongeschlecht und/oder die unterschiedliche Harmonie die entscheidenden Kriterien.

Diese Ergebnisse haben mich – vor allem nach den Ergebnissen meiner ersten Umfrage, die zeigte, dass ein emotionaler Zugang zu Musik für CI-TrägerInnen meist nur schwer möglich ist – positiv überrascht. Ich bin gespannt, was in Zukunft mit neuen Technologien oder anderen Ansätzen möglich sein wird!

Annette Exner, Stuttgart im Januar 2020

 

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