in Schaufenster

Begegnungen oder „Hören in Coronazeiten“

Es ist April 2020 und coronabedingt hat sich mein Leben total geändert, die allermeisten Begegnungen in diesen kontaktarmen Zeiten sind nun meine eigenen im Flurspiegel. Sonderlich kommunikativ ist das nicht.

Ein gänzlich verändertes Kommunikationsverhalten zeigt neuerdings auch eine gute Bekannte, die bisher jegliche digitale Kontaktaufnahme als völlig unter ihrer kulturellen Würde ablehnte.

Alle bisherigen Versuche, ihr die Nützlichkeit von WhatsApp nahezubringen, waren zum Scheitern verurteilt. Jetzt aber hat sich das ganz grundlegend geändert – ob Sprachnachrichten ohne Sprache, Textnachrichten nur mit Bildchen oder unbeabsichtigte Videoanrufe an den unpassendsten Orten, all dies lässt mich aktuell ihre digitale Experimentierfreude an ihrem ersten Smartphone miterleben.

Umgekehrtes passiert gerade mit meinen hörgeschädigten Freunden. Absolut sicher im Umgang mit allen denkbaren Möglichkeiten der digitalen Kommunikation, beschweren sie sich neuerdings über Kommunikationshindernisse im direkten Meinungsaustausch. Dies aber keineswegs, weil schützender Abstand bei Begegnungen vorgeschrieben ist, nein, nichts dergleichen.

Es ist etwas ganz anderes, das sie umtreibt. Es ist die neu erwachte Sorge, nicht gut genug verstehen zu können im direkten Gespräch, denn da geht halt nichts mit digital.

Sie ahnen es sicherlich, die Maskenpflicht ist es, die meine Freunde an die schwierigen Zeiten erinnert, als sie noch kein CI hatten; denn Mundabsehen und eine gute Kombinationsgabe waren damals ganz wichtige Hilfen zum Verstehen. Nun aber ohne Mundbild, so ihre Sorge, könnten sie ja nicht mehr darauf vertrauen, obwohl sie doch ihr CI haben.

Immerhin, als Lösung haben sich erfinderische Bastler Fenstermasken ausgedacht. Aber ich befürchte, bis alle so eine Maske haben, ist wahrscheinlich die Coronakrise längst vorüber. Wo also bleibt jetzt bitteschön die notwendige Barrierefreiheit, damit wir unsere Integration und Inklusion passend und mundgerecht erhalten?

Ich hätte da eine gute Idee. Es wird doch immer vom Hörtraining gesprochen – jetzt ist endlich die Zeit da zum täglichen Hören-Üben gekommen – dank Corona und Maskenpflicht!

Arnold Erdsiek

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