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Wenn Ihr Kind sein Cochleaimplantat erst später, also etwa im Alter zwischen 5 und 12 erhalten hat, sollte es anders behandelt werden als ein Kind, dem sein Implantat vor dieser Altersgrenze einsetzt wurde. Denn ungefähr im Teenager-Alter beginnen Kinder, ihren eigenen Platz in der Gesellschaft zu beanspruchen. Für manche bedeutet dieses Alter aber auch die erste Konfrontation mit dem Hörverlust und einer verminderten Kommunikationsfähigkeit.

Wenn Ihnen diese Beschreibung in Bezug auf Ihr Kind bekannt vorkommt, dann sollte das Ziel der Therapie jetzt darin bestehen, die Kommunikationsfähigkeit zu verbessern bzw. aufzubauen. Grundsätzlich unterscheidet man bei größeren Kindern mit einem Cochleaimplantat drei Kategorien:

  1. Progressiver oder plötzlicher Hörverlust; nach Entwicklung der Sprachkompetenz auf einem dem Alter entsprechenden Niveau.
  2. Hat vor dem Cochleaimplantat eine Hörhilfe getragen; verfügt über eine gewisse Sprachkompetenz, aber nicht ganz auf altersgemäßem Niveau.
  3. Das Kind hat auch andere Einschränkungen und verfügt nur über eine minimale oder gar keine Sprachkompetenz.

Je nach dem, zu welcher Kategorie Ihr Kind gehört, müssen Sie zu anderen Methoden greifen, um diese Fähigkeiten aufzubauen. Wir haben Ihnen hier einige Tipps für jede der drei Kategorien zusammengestellt. Sie können natürlich sofort zu dem für Ihr Kind zutreffenden Abschnitt springen:

1. Progressiver oder plötzlicher Hörverlust; nach Entwicklung der Sprachkompetenz auf einem dem Alter entsprechenden Niveau

Ein Kind, das sein Cochleaimplantat erst nach Entwicklung seiner Hör- und Sprechfähigkeit sowie Kommunikationsfähigkeit erhalten hat, muss in erster Linie seine auditorischen Fähigkeit neu erlernen. Am besten geht das durch Zuhören: Das Kind muss wiederholt auditorischen Sinnesreizen ausgesetzt werden. Dabei sollte es ohne visuelle Unterstützung, wie Lippenlesen oder Gesten, auskommen.

Hier ein paar Strategien und Übungen für Sie und Ihr Kind:

  • Trainieren Sie das Hörverstehen mit Wörtern, die ähnlich klingen, wie „Hand“ und „Wand“ oder „Hut“ und „gut“.
  • Hörverstehen: Lesen Sie Ihrem Kind einen ganzen Satz vor und lassen Sie es ihn Wort für Wort wiederholen.
  • Hör-Lese-Verstehen: Während ein Text vorgelesen wird, soll das Kind auf die gedruckten Worte zeigen, wenn sie gesagt werden.
  • Musikhören und gleichzeitig den Songtext mitlesen.
  • Ein Hörbuch hören und gleichzeitig im Buch mitlesen.
  • Bekannte Spielfilme ohne Untertitel ansehen und versuchen, dem Dialog zu folgen.
  • Eine Geschichte erzählen und anschließend dem Kind Fragen zum Inhalt stellen, um das auditorische Gedächtnis, die Merkfähigkeit und das Abrufen von Informationen zu trainieren.
  • Vorlesen einer Wortliste mit bestimmten Lauten, an denen Ihr Kind gerade arbeitet, wie /s/ oder /r/.
  • Lassen Sie Ihr Kind Wörter, Redewendungen und Sätze üben, die diese Laute enthalten, und korrigieren Sie seine Aussprache.

2. Hat vor dem Cochleaimplantat eine Hörhilfe getragen; verfügt über eine gewisse Sprachkompetenz, aber nicht ganz auf altersgemäßem Niveau.

Für ein Kind, das eine Hörhilfe getragen und eine gewisse Sprachkompetenz entwickelt hat, besteht das Ziel in der Verbesserung seines Hör- und Sprechvermögens sowie der Kommunikationsfähigkeit. Die beste Möglichkeit, diese Kompetenzen weiterzuentwickeln, ist das aktive Hören. Wenn Ihr Kind ein signifikantes Sprachdefizit aufweist, müssen Sie eventuell visuelle Hinweise wie Lippenlesen, Gesten und Printmaterial wie Bilder oder Bücher hinzuziehen.

Wenn Ihr Kind die Gebärdensprache beherrscht, sollten Sie daran festhalten. Beobachten Sie seine auditorische Entwicklung, um festzustellen, ob sich diese Fähigkeiten auf dasselbe Niveau wie mit Gebärdensprache bringen lassen. Ist das der Fall, dann ist die Zeit gekommen, um von der Gebärdensprache zum reinen Zuhören als Hauptkommunikationsmittel überzugehen.

Für die auditorische Entwicklung sollte man sich grob an die Reihenfolge von Erkennen, Unterscheiden, Identifizieren, Verstehen halten.

  • Erkennen: Arbeiten Sie mit dem 6-Laute-Test nach Ling und lassen Sie Ihr Kind die Laute wiederholen.
  • Unterscheiden: Beginnen Sie mit bekanntem Vokabular und Wörtern und Redewendungen unterschiedlicher Länge und Intonation, wie: „Wie spät ist es?“ vs. „Es ist heiß heute.“
  • Identifizieren: Erweitern Sie das Vokabular und das auditorische Gedächtnis, indem Sie mit bekannten Wörtern beginnen, mit einer kleinen Auswahl und kurzen Äußerungen, und fügen Sie dann neues Vokabular und mehr Auswahlmöglichkeiten hinzu. Enden Sie mit längeren Sätzen oder Sinneinheiten.
  • Verstehen: Identifizieren von Objekten anhand von Beschreibungen, Fragen beantworten, Verstehen von abstrakter Sprache wie in Schlussfolgerungen.

Hier ein paar Strategien und Übungen für Sie und Ihr Kind und wenn es diese gemeistert hat, können Sie ein paar schwierigere Übungen aus Abschnitt 1 (oben) hinzufügen:

  • Wählen Sie ein paar beliebige Zahlen aus und stellen Sie Fragen wie:
    • Was kommt vor der Zahl x? Welche Zahl kommt nach x?
    • Welche Zahl liegt zwischen x und z?
    • Was ist x plus/minus y?
    • Auf welchen Wochentag fällt der 15. August? Der 21. September? usw.
  • Lassen Sie Ihr Kind eine Reihe von Zahlen, Datumsangaben oder Uhrzeiten aufschreiben oder nachsprechen, die Sie ihm vorsprechen.
  • Sprachwahrnehmung: Sprechen Sie Wortpaare vor, die ähnlich klingen, wie „Band“ und „Wand“ oder „Hut“ und „gut“, und prüfen Sie, ob Ihr Kind den Unterschied hört.
  • Hörverstehen: Lesen Sie Ihrem Kind eine Redewendung oder einen Satz vor und lassen Sie es das Gesagte wortwörtlich wiederholen.
  • Auditorische Sinneinheit: Ihr Kind hört einen Text und soll anschließend Fragen zum Gehörten beantworten. Beginnen Sie mit einem kurzen Absatz und gehen Sie dann zu längeren oder komplexeren Passagen über.
  • Schreiben Sie Sätze zu einem Thema auf, lesen Sie einen davon laut vor und fragen Sie Ihr Kind, welcher es war.
  • Sprechen Sie eine Liste von Wörtern zu einem bestimmten Thema vor und lassen Sie Ihr Kind die Wörter wiederholen.
  • Spielen Sie das Spiel der 20 Fragen.
  • Spielen Sie Memory, aber statt Bilder umzudrehen nur über das Sprechen. Wenn Ihr Kind eine Karte aufnimmt, sagen Sie, was es ist, und beschreiben es.

3. Kind hat auch andere Einschränkungen und verfügt nur über eine minimale oder gar keine Sprachkompetenz sowie Kommunikationsfähigkeit.

Bei einem Kind, das vor Einsetzen des Cochleaimplantats nur über eine minimalen bis gar keine Sprachkompetenz verfügt, sollte man sich auf den Aufbau seines funktionalen und praktischen Wortschatzes konzentrieren.

Für die auditorische Entwicklung sollte man sich grob an die Reihenfolge von Erkennen, Unterscheiden, Identifizieren, Verstehen halten.

  • Erkennen: Arbeiten Sie mit dem 6-Laute-Test nach Ling und bitten Sie Ihr Kind, eine Hand zu heben, wenn es etwas hört, und lassen Sie es das Gehörte, wenn möglich, wiederholen.
  • Unterscheiden: Verwenden Sie funktionales, bekanntes und alltägliches Vokabular in unterschiedlicher Länge und Intonation, wie: „Zeit zu essen“ vs. „Bis nachher“ vs. „Hallo“.
  • Identifizieren: Bauen Sie einen funktionalen Wortschatz und ein Verständnis von alltäglichen Wörtern, Redewendungen und häufig verwendeten Sätzen auf. Entwickeln Sie das auditorische Gedächtnis, indem Sie mit bekanntem Vokabular und kurzen Äußerungen beginnen und dann zu einem größeren Wortschatz übergehen mit Informationen, die in einem ganzen Satz vermittelt werden. Bei komplexeren Sätzen können unter Umständen visuelle Hinweise erforderlich sein.
  • Verstehen: Identifizieren von Objekten durch Hören einer Umschreibung, Beantworten von Fragen, Verstehen von abstrakter Sprache wie in Schlussfolgerungen. Eventuell erreicht Ihr Kind dieses Niveau nicht allein durch Hören, dann können visuelle Hinweise hilfreich sein.

Hier ein paar Strategien und Übungen für Sie und Ihr Kind und wenn es diese gemeistert hat, können Sie ein paar schwierigere Übungen aus den Abschnitten 2 oder 1 (oben) hinzufügen:

  • Erstellen Sie eine Kommunikationsfibel mit den Wörtern, die für Ihr Kind bedeutsam, nützlich und wichtig sind.Lassen Sie Ihr Kind diese Wortlisten durchlesen und die gedruckten Wörter laut nachsprechen.
  • Achten Sie bei Informationen und Anweisungen an Ihr Kind auf eine einfache, verständliche und funktionale Ausdrucksweise, wie: „Geh duschen“ oder „Wir gehen jetzt zu Opa“. Verbinden Sie anfangs diese gesprochenen Wörter mit visuellen Hinweisen und gehen Sie, wenn Ihr Kind zu verstehen beginnt, zur rein gesprochenen Sprache über.
  • Üben Sie einfache Laute ein und wenden Sie sie dann in Wörtern an, die diese Laute enthalten. Ihr Ziel besteht darin, Ihrem Kind eine verständliche Sprache beizubringen, also konzentrieren Sie sich auf Wörter mit einfachen Lauten wie „Nein“, „erledigt“ oder „ich will mehr“ statt „Das ist nicht akzeptabel“, „Jetzt ist‘s fertig“ oder „Könnte ich noch etwas bekommen“.

Für alle Kinder

Bei jedem Kind, das in späteren Jahren ein Cochleaimplantat erhält, sollte der Fokus auf der Entwicklung der Hör- und Sprechfähigkeit sowie Kommunikationsfähigkeit liegen, aber auch auf dem Aufbau seines Selbstbewusstseins. Indem Sie ihm zahlreiche Chancen auf ein Erfolgserlebnis bieten und seine Fortschritte loben, fördern Sie seine positive Entwicklung.

Beim Verfassen dieses Beitrags wurden wir von Mary Kay Therres, einer Rehabilitationstherapeutin bei MED-EL, unterstützt.

 

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