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Ist jemand Kandidat für ein Cochlea-Implantat, bedeutet das noch lange nicht, dass seine gesamte Hörschnecke (Cochlea) im Innenohr völlig funktionslos ist. Und nicht nur das: Der Zustand der verbliebenen funktionstüchtigen Nervenstrukturen in der Cochlea hat einen Einfluss darauf, wie gut ein CI-Nutzer nach der Implantation hört. Lesen Sie, warum es wichtig ist, die Cochlea zu schützen, und welche Rolle der Elektrodenträger des Implantats dabei spielt.

Es ist eine weit verbreitete Erklärung, die sich aber bei näherer Betrachtung als nicht ganz korrekt erweist: Wer taub ist, also auch mit den stärksten Hörgeräten nicht hören kann, bekomme ein Cochlea-Implantat, um die geschädigte Cochlea zu ersetzen.
Das klingt zwar schlüssig, greift aber zu kurz.

Eine nicht-funktionierende Hörschnecke ist nicht wie ein amputiertes Bein, das durch eine Prothese ersetzt wird. Selbst bei CI-Kandidaten, die faktisch taub sind, ist der Zustand der mit Nervenzellen bedeckten Innenwände der Cochlea noch immer von großer Bedeutung.

„Taub“ ist also nicht gleich „taub“. So wie die Form jeder Cochlea anders ist, ist auch der Zustand der geschädigten Cochlea bei jedem gehörlosen Menschen individuell verschieden.

Die unterschiedlichen Ausmaße der Schädigung wirken sich auch nach der Cochlea-Implantation auf das Hörergebnis aus. Oder anders ausgedrückt: Der Hörerfolg mit einem CI steht in Zusammenhang mit der Restfunktionalität der Cochlea. Je mehr funktionsfähige Areale in der Cochlea vorhanden sind, desto besser können Betroffene mit einem Cochlea-Implantat hören.

Nachbildung des menschlichen Innenohrs: Gut zu erkennen ist die Cochlea (Hörschnecke) links oben.

 

Bild: Helge Rask-Andersen

Jede Zelle zählt

Um auf die Erklärung vom Beginn dieses Texts zurückzukommen: Tatsächlich überbrückt ein CI nicht-funktionierende Areale in der Cochlea. Es ersetzt aber nicht deren gesamte Funktion. Daher geht es nicht um die Entscheidung „entweder/oder“ (entweder natürliche Nervenstrukturen nutzen oder ausschließlich das CI), sondern um ein Zusammenspiel beider Bereiche. Sowohl die in der Cochlea liegenden Elektroden des CI als auch die verbliebenen gesunden Strukturen der Cochlea tragen nach der Implantation zum bestmöglichen Hörerfolg bei. Deshalb ist es wichtig, dass Cochlea und Elektroden „zusammenarbeiten“.

Die durchschnittlich 31,5 mm lange und 2,5 Mal um ihre eigene Achse geschwungene Cochlea ist ein komplexes Wunderwerk der Natur. Auch dann noch, wenn sie in ihrer Funktion stark eingeschränkt ist. Dass gehörlose Menschen diesen sensiblen Teil des Innenohrs einfach „auswechseln“ oder „reparieren“ lassen, ist nach dem derzeitigen Stand der Medizin nicht möglich. Ziel einer CI-Versorgung muss sein, möglichst alles zu erhalten, was an natürlicher Restfunktion in der Cochlea vorhanden ist. Erreicht wird das, indem nur solche Elektrodenträger in die Cochlea eingeführt werden, die deren sensible Strukturen schützen und sie nicht beschädigen.

Das Hörorgan im Inneren der Cochlea ist ein faszinierendes Wunderwerk. Zu sehen sind u.a. Teile des Hörnervs (gelb markiert) sowie äußere (blau) und innere (rot) Haarzellen.

 

Bild: Helge Rask-Andersen in Zusammenarbeit mit Kristian Pfaller, Anneliese Schrott-Fischer und Rudolf Glückert

Kleine Abweichungen mit großen Folgen
Kein anderer Teil des Cochlea-Implantats kommt der filigranen Cochlea so nahe wie der Elektrodenträger. Die kritischste Phase für die empfindlichen Oberflächen in der Cochlea ist das Einführen des Elektrodenträgers während der chirurgischen Implantation. Zu Beschädigungen entlang der Cochlea-Innenwände kann es insbesondere dann kommen, wenn steife, unflexible Elektroden in die erbsengroße Schnecke geschoben werden.

Im schlimmsten Fall werden die Wände sogar durchstoßen, sind sie doch um ein Vielfaches dünner als ein menschliches Haar. Eine solche Beschädigung kann nicht rückgängig gemacht werden und wirkt sich negativ auf das Resultat der CI-Versorgung aus. Zum einen werden weitere Nervenzellen zerstört, zum anderen kommt die Elektrode unter Umständen in einer Position zu liegen, in der sie die Nerven mit ihren elektrischen Impulsen erst gar nicht erreicht. Werden bestimmte Areale im Inneren der Cochlea nicht elektrisch stimuliert, kann ein CI-Nutzer nach der Implantation die entsprechenden Frequenzen nicht hören.

Warum weiche Elektroden so wichtig sind
Die Gefahr, dass bei der Implantation Schäden im Inneren der Cochlea entstehen, steigt, wenn steife, unnachgiebige Elektrodenträger verwendet werden. Aus diesem Grund hat MED-EL besonders flexible und weiche Elektrodenträger entwickelt, die sich sanft einführen lassen und sich den natürlichen Windungen der Cochlea widerstandslos anpassen.

Die spezielle Anordnung der Drähte im Inneren des silikonummantelten Elektrodenträgers verleiht den MED-EL Elektroden eine einzigartige Biegsamkeit. So bleiben die verbliebenen funktionstüchtigen Areale innerhalb der Cochlea erhalten. Darüber hinaus können flexible Elektroden schonend bis weit in die Cochlea eingeführt werden, um nach der Aktivierung des Cochlea-Implantats ein möglichst breites Spektrum an unterschiedlichen Tonhöhen hervorzubringen.

Dass die weichen Elektroden die sensiblen Strukturen im Innenohr erhalten, bringt nicht nur bessere Hörergebnisse, sondern eröffnet auf lange Sicht auch faszinierende Möglichkeiten. Je mehr intaktes Gewebe in der Cochlea erhalten bleibt, desto größer ist die Chance, in Zukunft von weiteren medizinischen Fortschritten wie gentherapeutischen Verfahren zu profitieren.

 

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