in Gastartikel

Was wäre unsere Welt ohne Lieblingslieder, Live-Konzerte, Playlists oder Radiomusik? Sie wäre sicher um einiges leiser, aber ganz bestimmt auch um noch viel mehr ärmer. Ein Leben ohne Musik ist fast nicht vorstellbar. Die Radio Charts Top 100  auf dem Arbeitsweg, saftige Beats beim Sport, loungiger Jazz beim abendlichen Afterwork – selbst die Fahrstuhljingles im Kaufhaus: Musik umgibt uns praktisch überall und ist dabei so viel mehr als nur eine melodische Abfolge von Tönen und Klängen. Musik bedeutet Teilhabe an einer Welt, die über die informative Kommunikation hinausgeht. Sie ist lebende Erinnerung an ganz besondere Momente, sie kann uns motivieren und trösten. Sie verbindet uns über Alters-, Kultur- und Ländergrenzen hinweg und schafft so in einzigartiger Weise Gemeinschaft.

Kurzum: sie ist etwas ganz Wunderbares und, wie wir von MED-EL finden, sollte deshalb auch für alle Menschen zugänglich sein. Doch für einige unserer Nutzer*innen kann sie  auch eine große Herausforderung darstellen. Um möglichst vielen Nutzer*innen das bestmögliche Hörerlebnis zu schenken, haben wir bei MED-EL dem Thema Musik einen eigenen Forschungsbereich gewidmet und sind besonders stolz darauf, dass wir die größte Auswahl von langen und flexiblen Elektroden am Markt anbieten. Das Besondere an unseren Hörlösungen ist die sogenannte FineHearingTM-Technologie. Mit dieser können unsere Nutzer*innen nämlich Töne präzise und in der richtigen Klangfarbe hören.  

 Die Technologie alleine kann jedoch immer nur das Fundament bilden, weshalb Hörimplantat-Nutzer*innen, wie beim Sprachverstehen auch, das Musikhören (wieder) neu erlernen müssen. Wie aus Musikfrust wieder Musikgenuss wird, welche Tipps und Tricks beim Training helfen können und warum Musikhören sogar das Sprachverstehen verbessern kann, darüber – und über vieles mehr – haben wir für Euch mit Musikpädagogin und Musikvermittlerin Malin Kumkar gesprochen:

 

Malin, bevor wir ins Thema Musikhören und Musizieren einsteigen, musst Du uns eines vorweg verraten: Was genau machst Du als Musikpädagogin und Musikvermittlerin?

Als Musikpädagogin betrachte ich die Menschen ganzheitlich und schaue, wie ich diese mit Musik insgesamt fördern kann. Hier unterscheide ich mich übrigens von der Musiktherapie. Denn ihr Ziel ist es, mit dem gezielten Einsatz von Musik im Rahmen der therapeutischen Beziehung die seelische, körperliche und geistige Gesundheit  wiederherzustellen, zu erhalten und/oder zu fördern. Als Musikvermittlerin liegt mein Schwerpunkt darin, Menschen einen niedrigschwelligen Zugang zur Musik zu ermöglichen. Im Fokus steht dabei das Musikerlebnis, nicht das Erlernen. Wichtig ist mir, dass die Menschen mit denen ich arbeite, in eine Selbsttätigkeit kommen. Das bedeutet wiederum, dass ich nahbare Erlebnisse schaffe, zum Beispiel in Form von Workshops – insbesondere auch für Zielgruppen, die oft keinen Zugang zur Musik erhalten, weil es keine Angebote für sie gibt oder sie nicht um diese wissen.

 

Hast Du Dich deshalb auch auf die Arbeit mit Menschen mit Hörverlust spezialisiert?

Ja, denn der Inklusionsgedanke ist mir in doppelter Hinsicht sehr wichtig: Ich selbst habe klassische Musik aus einem Leistungsgedanken heraus und mit einem elitären Blickwinkel kennengelernt. Das fand ich sehr schade. Denn heute weiß ich, Musik ist oder sollte vor allem etwas Gemeinschaftliches und Gemeinschaftsstiftendes sein. Also etwas, dass man gemeinsam erlebt. Gleichzeitig habe ich immer wieder festgestellt, dass nur bestimmte Gruppen unserer Gesellschaft Zugang zu verschiedenen Musikgenres ermöglicht wird. Es hängt einfach noch immer zu sehr davon ab, wie man sozialisiert wurde, ob man ein Instrument erlernen durfte oder eben nicht. Ich finde aber, die Magie der Musik sollten alle erfahren können – und genau dies habe ich mir zur Aufgabe gemacht. Menschen mit Hörverlust sind ein Teil von jenen Personengruppen, die beim Thema Musik oft vergessen werden. Darüber hinaus weiß ich wie privilegiert ich bin, ein ausgebildetes Gehör zu haben und auch, wie herausfordernd es für Menschen mit einer Hörminderung ist, diesen Musikgenuss (wieder) zu erlernen, der für mich ganz selbstverständlich ist.

 

Das heißt aber auch, dass es möglich ist.

Selbstverständlich können Menschen trotz einer Schwerhörigkeit oder mit einem Hörimplantat Musik genussvoll hören. Wobei ich den Musikgenuss auch nicht auf den Hörsinn beschränke und sogar so weit gehe zu sagen, dass auch gehörlose Menschen Musik empfinden und genießen können – sie tun es nur auf andere Art und Weise. Wer von einer Hörschädigung betroffen und/oder mit einem Hörimplantat versorgt ist, hört anders als „Normalhörende“. Man muss sich andere Punkte heraussuchen und neue Wege finden, Musik (wieder) erleben zu können. Daher sind die Zugangswege auch unterschiedlich.

 

Wir hören von unseren Nutzer*innen immer wieder, dass gerade das Musikhören nach der Versorgung besonders herausfordernd ist. Wenn Du von unterschiedlichen Zugangswegen sprichst, gibt es dann auch bestimmte Musikgenres, die hörbeeinträchtige Menschen besser wahrnehmen können?

Das liegt vor allem daran, dass Musik in ihrer Struktur besonders komplex ist und in einem breiten Spektrum von Lautstärken, Frequenzen und Tonhöhen stattfindet. Als Einstieg empfehle ich allen, die das Musikhören mit einem Implantat erlernen möchten, vor allem elektronische Musik und Popmusik. Beide sind nicht so komplex gebaut. Grundsätzlich rate ich dazu, mit einfachen Melodien zu beginnen und sich dann Stück für Stück zu steigern. Etwa, indem man peu a peu die Instrumente erweitert oder Klangfarben hinzunimmt. In meiner täglichen Praxis erlebe ich auch, dass tiefe Klänge, beispielsweise von einem Cello oder Horn, von Hörimplantat-Nutzer*innen bevorzugt werden. Diese Instrumente schwingen oft spürbarer im Raum. Deshalb sind Live-Erlebnisse auch so wichtig. In Rahmen meiner Arbeit sehe ich immer wieder, dass Nähe eine wichtige Rolle spielt. Je näher sich die Hörimplantat-Nutzer*innen am Instrument befinden, desto intensiver ist das Hörerlebnis. Dann wird auch komplexere symphonische Musik für viele Hörimplantat-Nutzer*innen plötzlich greifbar.

 

Apropos Komplexität: Kann das Trainieren von Musik zu einem besseren Hören allgemein beitragen?

Ja, denn Sprache und Musik weisen ähnliche Parameter auf, beispielsweise Rhythmus, Tonhöhe oder Klangfarbe. Das Musiktraining kann vor allem dabei helfen, dass man Stimmen schneller erkennt und in einer mehrstimmigen Situation, wenn beispielsweise viele Menschen durcheinander sprechen oder es viele Hintergrundgeräusche gibt, sich besser auf bestimmte Hörinhalte fokussieren kann.

 

Was bedeutet das ganz konkret?

Zum Beispiel erkennen Betroffene, die das Musikhören trainieren, noch besser die Sprachmelodie ihrer Gegenüber. Somit sind sie dann nicht nur auf den Gesichtsausdruck ihrer Gesprächspartner*innen angewiesen, sondern können durch die Stimmmelodie auch erkennen, in welcher Emotion gerade gesprochen wird oder ob etwas ironisch oder sarkastisch gemeint ist.

 

Wie können unsere Nutzer*innen das Musikhören zu Hause üben?

Das Wichtigste ist Geduld mit sich zu haben, offen zu sein und nicht zu resignieren. Denn das Hören mit einem Hörimplantat ist einfach anders als mit einem „normalen“ Gehör. Anfangs hilft es oft, Musik zu hören, die einem früher schon gefallen hat und natürlich Live-Konzerte aus den bereits genannten Gründen zu besuchen. Umgekehrt kann es aber auch passieren, dass Genres, die man vor der Versorgung mochte, nicht mehr passen. Wenn man früher beispielsweise gerne Sinfoniekonzerte besuchte und heute Kammermusik bevorzugt, sollte man dies so akzeptieren. Das entscheidende ist, dass man Musik wieder als Genussfaktor wahrnimmt. Ebenfalls hilft gute Technik beim Musiktraining. Zum Beispiel können Kopfhörer oder Lautsprecher, die speziell auf die Bedürfnisse von Hörimplantat-Nutzer*innen abgestimmt sind, den Trainingserfolg und damit den Musikgenuss positiv beeinflussen. Auch bieten einige Streaming-Apps mittlerweile die sogenannte Equalizer-Funktion an, mit derer die Musikwiedergabe individuell angepasst werden kann. Da muss man einfach ausprobieren und ein bisschen experimentieren. Was in jedem Fall auch hilft, ist der Austausch mit anderen Nutzer*innen, darüber wie sie den Zugang zur Musik wiedergefunden haben. Ein Patentrezept für das Erlernen von Musikhören mit einem Hörimplantat-System gibt es leider nicht, aber aus meiner Erfahrung heraus kann ich nur sagen, dranbleiben lohnt sich.

 

Jetzt haben wir ganz viel über das Musik hören gesprochen, doch wie steht es um das selbst Musizieren? Können Menschen mit Hörimplantat ein Instrument erlernen?

Natürlich, nur der Leistungsgedanke muss in den Hintergrund rücken. Das gilt übrigens für die sogenannten Normalhörenden genauso wie für Menschen mit Hörimplantat. Wir müssen uns davon frei machen, ein Instrument zu erlernen, damit wir es innerhalb kürzester Zeit möglichst perfekt beherrschen. Stattdessen sollten wir das Musizieren als Ausdrucksmöglichkeit begreifen, als etwas, das uns ein gutes Gefühl geben kann.

 

Welche Instrumente eigenen sich besonders gut?

Besonders gut eignen sich Instrumente, bei denen die Töne vorgegeben sind – zum Beispiel über Tasten oder Bünde. Deshalb gelten Klavier, Cembalo, Schlagzeug oder Gitarre insgesamt als einfacher zu erlernen als beispielsweise Saxophon, Querflöte oder Oboe. Diese besitzen meist einen knalligen, lauten Ton, der für Hörimplantat-Nutzer*innen oft schwierig ist. Dennoch gibt es Hörimplantat-Nutzer*innen, die solche Instrumente ganz sauber intonieren können. Auch Streichinstrumente können gut funktionieren. Zwar sind diese am Anfang unter Umständen schwerer zu erlernen, sie liegen aber auch enger am Körper an, wodurch Nutzer*innen über zusätzliche Empfindungen, wie zu Beispiel Schwingungen arbeiten können. Deshalb rate ich dazu, einfach ein Instrument zu wählen, dass sich gut anfühlt.

 

Und nun zum Abschluss noch ein Tipp für alle Mamas und Papas: Wie können Eltern ihre hörbeeinträchtigten Kinder musikalisch früherziehen?

Oh, da gibt es viele Möglichkeiten und meine folgenden Ratschläge beschränken sich nicht ausschließlich auf Familien mit hörimplantatversorgten Kindern. Musik ist vielmehr als wir Erwachsene oft wahrnehmen. In meinen Kinder-Workshops bestätigt sich das immer wieder: Kinder können mit den einfachsten Klangmaterialen ewig spielen und sich ausprobieren. Was ich auch immer wieder feststelle und deshalb nicht oft genug betonen kann: Musik ist ein Gemeinschaftserlebnis. Deshalb ist es wichtig, dass sich Eltern Zeit nehmen, um gemeinsam mit ihrem Kind zu musizieren oder gemeinsam zu singen. Dabei geht es nicht um die Perfektion, sondern um das gemeinsame Erleben. Müttern und Vätern mit einem Hörimplantat-Kind möchte ich ans Herz legen, den Mut zu haben, neue Dinge auszuprobieren, zum Beispiel mit dem Kind eine Musikschule zu besuchen. Viele Eltern kommen gar nicht auf die Idee mit ihrem Sohn oder ihrer Tochter, wenn er oder sie hörbeeinträchtigt ist, in die Musikschule zu gehen. Viele von ihnen denken, weil mein Kind nicht normal hört, kommt es für so etwas gar nicht in Frage. Doch das ist nicht der Fall. Musik ist für alle da und sollte auch für alle erlebbar sein!

Wer sich mehr über Musikhören und Musizieren mit Hörimplantat informieren möchte oder auf der Suche nach Internetangeboten rund um das Thema Musikhören, Kinderliedern und Mitmachprojekten ist, findet Malin Kumkars Linkempfehlungen hier.

Empfohlene Internetseiten für die Suche nach Kinderliedern sowie Musik zum Mitmachen

Empfohlene Internetseiten für die Suche nach Kinderliedern sowie Musik zum Mitmachen

Die Internetseiten / youtube-Links mit „Musik zum Mitmachen“:

 

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