in Schaufenster

„Musik ist wie Architektur aus Klängen…“

Meine Erfahrung mit EAS (Elektrisch-Akustischer Stimulation) bei einseitiger Ertaubung (Annette E., Stuttgart)

 

Von Stereo zu Mono in nur drei Sekunden

Am 19.September 2015 verlor ich beim Einkaufen plötzlich mein Gehör im rechten Ohr. Dies war für mich ein gravierender Einschnitt. Zunächst war ich primär mit dem kurz nach dem Hörverlust einsetzenden sehr starken Schwindel „beschäftigt“. Als der Schwindel sich nach einigen Wochen langsam etwas besserte, wurde mir erst bewusst, was der Hörverlust bedeutete. Er berührte  elementare Bereiche meines Lebens, da ich in meinem Beruf sehr viel kommuniziere und privat leidenschaftlich Musik mache. Auch mein Sozialleben war stark beeinträchtigt, da ich in Gruppensituationen die Sprechenden auf meiner rechten Seite kaum noch hören und somit Unterhaltungen schwer folgen konnte. In Situationen mit Hintergrundgeräuschen hörte ich fast nur Klangbrei und Stimmen konnte ich kaum noch herausfiltern. Ich vermied es, privat mit Freunden wegzugehen. Mein räumliches Hören war weg und ich musste lernen, mich z.B. beim Überqueren einer Straße nicht mehr auf mein Gehör zu verlassen, sondern auf meine Augen. Vorher war mir gar nicht bewusst gewesen, dass ich hörte, dass von links ein LKW kam, von rechts ein Fahrrad und von hinten ein Auto. Jetzt konnte ich froh sein, das Auto von hinten überhaupt zu hören, beim Fahrrad von rechts hatte ich keine Chance. Dieses „akustische Bild“ von meiner Umgebung nicht mehr zu haben versetzte mich, nicht nur im Straßenverkehr, in einen Zustand ständiger Anspannung. In meinem rechten Ohr hatte sich mit dem Hörverlust quasi augenblicklich ein Tinnitus in Form eines deutlichen, permanent hörbaren Rauschens entwickelt. Das Rauschen konnte ich zwar recht gut ausblenden, doch auch dieses Ignorieren kostete Kraft. Insgesamt war mein Leben anstrengend geworden.

 

Gibt es eine Lösung?

Schon wenige Wochen nach meinem Hörverlust stieß ich bei meiner Recherche nach Lösungen auf das Cochlea-Implantat (CI) als eine Möglichkeit für mich. Da ich seinerzeit in den USA lebte und arbeitete, war das jedoch leider keine Option, denn dort werden bei einseitiger Taubheit – außer in Studien – keine CIs implantiert. Ich merkte schnell, dass ich ohne Hilfsmittel meinen (Arbeits-)Alltag nur schwer bewältigen konnte und nutzte früh einen Roger Pen (vereinfacht gesagt ein Mikrofon mit Modi für verschiedene Hörsituationen) mit Empfänger im hörenden Ohr, der mir zumindest größere Besprechungen im Beruf erleichterte. Zurück in Deutschland, ein Jahr nach dem Hörverlust, wurde mir zunächst leider noch kein CI empfohlen, sondern ein sog. „CROS“ als einzige Möglichkeit für mich. Die Abkürzung CROS steht für Contralateral Routing Of Signals“- dabei wird der Schall mittels eines Mikrofons am tauben Ohr aufgenommen und an das gesunde Ohr weitergeleitet, wo sich der Lautsprecher befindet. Dies nutzte ich zwei Jahre und es half in vielen beruflichen Situationen, solange kein Störlärm ins Spiel kam. Dass ich durch das CROS mit meinem linken Ohr fürs rechte mithören musste, empfand ich zunehmend als belastend. Leider hatte sich, verstärkt durch die Nutzung des CROS, auf meinem hörenden, linken Ohr eine starke Hyperakusis (Überempfindlichkeit gegenüber Schall) entwickelt. U-Bahnfahren, Staubsaugen, Geschirrspülmaschine ein- oder ausräumen waren für mich – auch ohne CROS – nur noch mit Gehörschutz zu ertragen. Der Leidensdruck war insgesamt sehr groß geworden und zum Glück bekam ich dann 2018 doch die nötige Unterstützung in Richtung CI.

 

Wer soll bei mir einziehen?

Ich stand vor der Frage, welchen der vier CI-Hersteller ich wählen sollte. Der Tragekomfort des Audioprozessors war für mich ein wichtiges Kriterium, da ich das Gerät permanent hinterm Ohr haben würde. Ich fragte noch vor der OP einen Audioprozessor-Dummy bei MED-El an, der mir auch prompt organisiert wurde, und konnte ihn eingehend probetragen. Beruhigend fand ich auch den Gedanken, das zu der Zeit leichteste und kleinste Implantat bei zugleich guter MRT-Sicherheit auf dem Markt implantiert zu bekommen. Sehr wichtig war für mich als Musikerin die theoretisch unterscheidbare Anzahl von bis zu 250 Tonhöhen und auch die strukturschonend konstruierten Elektrodenträger zur Erhaltung des Restgehörs. Somit war für mich die Entscheidung für MED-EL gefallen. Doch damit stand ich vor der nächsten Frage.

 

CI oder EAS? Und wie lang darf’s denn sein?

Vermutlich steht dieser Punkt in den wenigsten Fällen zur Diskussion. Doch etwa vier Wochen nach dem Hörverlust hatte sich mein Gehör in den tiefen Frequenzen wieder erholt und war seither stabil. Genau deswegen war die Länge des Elektrodenträgers ein Thema. Hierzu hatte ich unterschiedliche Empfehlungen erhalten. Zwei Kliniken empfahlen ein reines CI mit einer langen Elektrode (28 oder sogar 31 mm), die beim Einführen in die Cochlea mein Restgehör vermutlich zerstören oder zumindest teilweise schädigen würde. Zwei andere Kliniken rieten zu EAS kombiniert mit einer kürzeren Elektrode von 24 mm Länge, was die Chance, mein Restgehör zu erhalten, erhöhen würde. Also eine klassische Pattsituation! In dem Moment war es eine sehr schwierige Entscheidung für mich. Mein Restgehör nutze mir nichts, wenn ich Sprache verstehen wollte, doch ich konnte damit Stimmen noch teilweise hören und auch Musik, wenn auch beides nur sehr dumpf. Mein Ziel war, mit dem implantierten Ohr wieder Sprache verstehen zu können, was Musik anging, machte ich mir keine Hoffnung. Ich hatte mich daher eigentlich für die, wie mir schien, sicherere Variante mit FLEX28 entschieden, da damit auch die Chance bestand das Restgehör (zumindest teilweise) zu erhalten, wenn auch keine so große wie mit der FLEX24. Mit der sicheren Aussicht auf ein „volles CI“ fühlte ich mich wohler – vermutlich ohne Restgehör – als mit der Aussicht auf ein vermeintlich „halbes“ CI mit einer kürzeren Elektrode und einem Hörgeräteanteil (EAS) – schlimmstenfalls auch ohne Restgehör. Zum Glück vertraute ich kurz vor der OP dann doch auf die Empfehlung von Frau Dr. Helbig (meiner Operateurin) und Herrn Prof. Baumann am Universitätsklinikum Frankfurt, die etwas kürze Elektrode mit 24 mm zu nehmen.

 

Happy Cyborg oder Übung macht den Meister

Am Tag nach der OP hörte ich durch den Verband mit dem implantierten Ohr deutlich tiefe Frequenzen und war sehr erleichtert, die kürzere Elektrode gewählt zu haben.

Zwei Tage nach der OP wurde mein CI aktiviert (sogenannte Frühaktivierung). Ich rechnete damit, außer sinnlosem Lärm nichts hören zu können. Als die erste Verbindung zwischen dem Computer und meinem Audioprozessor hergestellt wurde, hörte ich als Start-Melodie des Systems drei aufsteigende Töne – allein mit der elektrischen Stimulation des CIs! Das war schon viel mehr als ich erwartet hatte! Ich konnte drei Töne unterscheiden! Nach erfolgter Erstanpassung konnte ich sogar schon einzelne Wörter verstehen und war überglücklich. Eine Stunde nach der Erstanpassung ging ich mit einem Freund im Restaurant auf dem Klinikgelände Mittagessen und konnte ihn während unserer Unterhaltung in der lauten Umgebung schon deutlich besser verstehen als dies vor der OP der Fall gewesen wäre. In den darauffolgenden Wochen und Monaten übte ich täglich intensiv mit Apps auf meinem Smartphone, hörte und machte viel Musik und trug das CI konsequent jeden Tag von morgens bis abends. Mein Hören wurde von Tag zu Tag spürbar besser und ich fühlte mich wie ein Duracell-Häschen, dem gerade wieder frische Batterien eingesetzt wurden. Und das war „nur“ das Hören mit dem reinen CI, denn die akustische Verstärkung der tiefen Frequenzen über die Hörgerät-Komponente des EAS erfolgte erst nach sechs Wochen, als die Wundflüssigkeit im Mittelohr vollständig abgeflossen war.

 

„Im Kopf zu einem runden Ganzen“  – mein neues Hören mit EAS…

In Hörtests nach sechs Wochen zeigte sich, dass mein Restgehör fast vollständig hatte erhalten werden können – dank des Zusammenspiels von Elektrodenträgerlänge und -form und der sehr großen Erfahrung und dem Fingerspitzengefühl von Frau Dr. Helbig. Damit habe ich auf dem implantierten Ohr eine sehr schöne klangliche Basis in den tiefen Frequenzen. Die Grundfrequenzen der meisten Stimmen kann ich damit wahrnehmen und somit Sprachmelodien erkennen. Das CI steuert die mittleren und hohen Frequenzen bei und ermöglicht es mir so, Sprache sehr gut zu verstehen. Die hohen Frequenzen kommen sehr differenziert an, wenn sie auch ein wenig steril klingen. Die mittleren Frequenzen sind für mich sehr präsent und klingen teils etwas „topfig“ und metallisch. Die tiefen Frequenzen sind der klangliche Leim, der alles zusammenhält wodurch für mich ein insgesamt weitgehend natürliches Klangbild entsteht. Und zusammen mit meinem normalhörenden Ohr ist es noch viel besser. Ich höre zwar den klanglichen Unterschied links und rechts, empfinde ihn jedoch nicht als störend, sondern beide Höreindrücke vereinen sich im Kopf zu einem runden Ganzen.

Seitdem ich auch die Hörgeräte-Komponente, also die akustische Stimulation, nutze, höre ich wieder räumlich. Es war so, als würde damit das 3D-Hören wieder eingeschaltet. Das war ein echtes Aha-Erlebnis!

 

Architektur aus Klängen – Musik mit EAS

Musik ist für mich eine Sprache, mit der sich Gefühle ausdrücken lassen. Wenn Musik eine Gefühlssprache ist, dann habe ich diese Sprache nach dem Hörverlust zwar inhaltlich bzw. auf analytischer Ebene noch verstanden, doch die Gefühle kamen nicht mehr an. Ich wusste, welches Gefühl gemeint war, konnte es aber nicht mehr empfinden. Umgekehrt konnte ich diese Sprache aber noch sprechen. Ich komponierte nach wie vor Lieder, mit denen ich meine Gefühle transportierte und kommunizierte. Aber es war irgendwie witzlos. Früher weckte das Hören von bestimmten Stücken sehr starke Gefühle; schon vom ersten Ton an konnte mich Musik völlig in ihren Bann ziehen. Und vor allem auch beim Musizieren und Improvisieren allein oder mit anderen empfand ich sehr stark. Musik war ein großer Teil meines Lebens und damit ein Teil, der für meinen Gefühlshaushalt, für mein Wohlbefinden, meine Lebensfreude sehr wichtig war. Nach dem Hörverlust war da ein großes Vakuum.

Etwa eine Woche nach der Erstanpassung kaufte ich mir eine neue Gitarre. Ich wollte damit Musik neu entdecken und dieses Instrument sollte mich dabei begleiten. Ich probierte verschiedene Gitarren aus, während ich mein neues CI trug und entschied mich für ein Modell mit Stahlsaiten und einem sehr transparenten Klang. Dass die Gitarre im linken Ohr absolut natürlich klang und im rechten zu dem Zeitpunkt maximal verzerrt störte mich nicht. Ich freute mich, dass ich den Rhythmus der Anschläge wieder beidseitig hören konnte. Mit der Zeit wurde der Höreindruck immer besser.

Mit EAS kann ich Musik – die von anderen Künstlern und auch meine eigene – jetzt wieder wirklich genießen und fühlen. Ich fragte mich lange, wieso. Denn auch als einseitig Ertaubte konnte ich ja mit dem gesunden Ohr alle Töne, Frequenzen und Klangfarben vollständig wahrnehmen.

Der Schlüssel liegt für mich darin, dass ich wieder räumlich höre. Musik ist wie Architektur aus Klängen und ich kann sie jetzt wieder als solche wahrnehmen. Ich bin wieder mitten im musikalischen Raum, umgeben von Musik, anstatt nur einohrig am Rand zu stehen. Sicher trägt auch die Tatsache, dass ich mich, seitdem ich EAS nutze, wieder rundum gut fühle, dazu bei, dass ich wieder Spaß an der Musik habe.

In der Musik sorgen die tiefen Frequenzen meines Restgehörs für einen vollen Klang und dafür, dass ich gesangliche oder instrumentale Melodien weitestgehend hören kann, außer, sie spielen sich in den hohen Lagen ab. Damit ist für mich der grundsätzliche Charakter eines Musikstücks identifizierbar und auch die Tonlage, in der es sich abspielt. Die mittleren und hohen Frequenzen steuert das CI mit der elektrischen Stimulation bei. Die hohen Frequenzen klingen schön präzise und klar und Rhythmusinstrumente sind wieder hörbar, Melodien kann ich jedoch nicht identifizieren. In den mittleren Frequenzen ist das Klangbild eher undifferenziert und verzerrt, da sich dort meist besonders viele Instrumente und auch die Stimmen tummeln, die vermutlich nicht mehr sauber aufgelöst werden können. Songtexte kann ich allerdings ziemlich gut verstehen. Soweit zum Hören nur mit meinem EAS-Ohr.

Die beiden unterschiedlichen Höreindrücke links und rechts ergänzen sich für mich ausgezeichnet. Wenn ich singe und Gitarre spiele, ist die Gitarre nicht mehr nur das Störgeräusch, das mich hindert, meine Stimme gut zu hören und umgekehrt, sondern ich kann Stimme und Gitarre viel besser differenzieren.

Es ist wunderbar, die eigene Stimme wieder mit beiden Ohren hören zu können.

Meinen ersten kleinen Liveauftritt mit EAS habe ich bereits erfolgreich gemeistert. Konzerte zu besuchen macht wieder richtig Spaß. Musik mit Kopfhörern zu hören ist wieder ein echtes Erlebnis in Stereo und löst starke Empfindungen (von Gänsehaut über Herzklopfen bis hin zu Freudentränen) aus. Dafür bin ich sehr dankbar.

 

Sieben Monate EAS: Alle Erwartungen übertroffen

Ich befürchtete Komplikationen nach der OP, doch es traten keine auf. Ich erwartete 60-80% Einsilberverständnis nach einem Jahr und verstand 60% Einsilber bereits nach anderthalb Wochen und 100% nach fünf Monaten – dank guter Einstellungen, intensiven Übens und gezieltem Training in der Reha. Nach der Erstanpassung erwartete ich, nur Lärm zu hören, doch ich konnte teilweise sogar schon Sprache verstehen. Ich erwartete unangenehme und beängstigende Klänge zu hören, doch was ich hörte, klang zwar zunächst fremdartig doch ich konnte es für mich gut akzeptieren. Ich erwartete keinerlei Verbesserung hinsichtlich Musik und ging davon aus, dass ich das Hörsystem zum Musizieren ablegen würde. Ich trage es begeistert von morgens bis abends, ohne es abzunehmen, auch, wenn ich Musik mache. Mein Tinnitus ist nicht mehr wahrnehmbar, wenn ich den Audioprozessor trage und meine Geräuschüberempfindlichkeit ist weg. Ich kann wieder räumlich hören. Im Störgeräusch fällt es mir erheblich leichter, meine Gesprächspartner zu verstehen. Das hilft mir im Berufsleben und auch privat sehr. Es hätte für mich insgesamt nicht besser laufen können.

Mit meinem neuen Hören bin ich sehr, sehr glücklich und genieße mein Leben wieder.

Ich fühle mich wieder ganz.

Mein herzlichster Dank geht an MED-El für die tolle Technologie, an das Team am Universitätsklinikum Frankfurt für die exzellente Behandlung und Betreuung und an das Team der Kaiserbergklinik Bad Nauheim für die ausgezeichnete Unterstützung in der Reha! Und natürlich danke ich auch der Techniker Krankenkasse und der DRV, dass all das für mich möglich war und ist!

Annette E., Stuttgart

Comments

Weitere Artikel